Bd. I · Heft 03 · Mai 2026 Redaktion Schritt ·
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Therapie · Mai 2026

Tiefe Hirnstimulation seit 1987: Wie Alim-Louis Benabid die Parkinson-Welt veränderte

Aus einem Zufallsbefund im Operationssaal des Centre Hospitalier Universitaire Grenoble wurde 1987 die zweite große Wende der Parkinson-Therapie. Eine Rekonstruktion der Tiefen Hirnstimulation von ihren Anfängen bis zur adaptiven Closed-Loop-Stimulation der 2020er-Jahre.

Im Jahr 1987 wollte der französische Neurochirurg Alim-Louis Benabid am Centre Hospitalier Universitaire in Grenoble eigentlich eine konventionelle Thalamotomie durchführen. Der Patient litt unter einem schweren therapieresistenten Tremor, und der Standard jener Zeit verlangte eine gezielte thermische Läsion im Nucleus ventralis intermedius des Thalamus. Bevor Benabid die endgültige Läsion setzte, prüfte er, wie es das stereotaktische Protokoll vorschrieb, die Zielregion mit einer hochfrequenten elektrischen Reizung. Was er dann sah, hielt er zunächst für einen Artefakt: Bei einer Stimulation mit 130 Hertz verschwand der Tremor des wachen Patienten innerhalb von Sekunden. Reduzierte Benabid die Frequenz, kehrte der Tremor zurück. Es war eine reversible Läsion ohne Gewebezerstörung. In den Operationssälen der internationalen funktionellen Neurochirurgie wäre dieser Befund vermutlich notiert und vergessen worden. Benabid notierte ihn und begann zu experimentieren.

Der lange Weg von der Beobachtung zur Methode

Alim-Louis Benabid, 1942 in Grenoble geboren, hatte vor seiner neurochirurgischen Ausbildung Physik studiert, was seine Bereitschaft zu einem ingenieurwissenschaftlichen Zugang erklärt. In den vier Jahren zwischen 1987 und 1991 verfeinerten er und sein Team um die Neurologin Pierre Pollak die Technik der Implantation chronischer Stimulationselektroden. Die ersten Studien beschränkten sich auf den Thalamus zur Behandlung des Tremors. Erst Mitte der 1990er-Jahre erweiterte Benabid das Zielgebiet auf den Globus pallidus internus und schließlich, ab 1993, auf den Nucleus subthalamicus, kurz STN. Diese Erweiterung war entscheidend: Die STN-Stimulation verbesserte nicht nur den Tremor, sondern auch die Rigidität, die Bradykinese und die motorischen Fluktuationen unter L-Dopa.

Im Jahr 1995 publizierten Benabid und Pollak im „Lancet” eine erste Fallserie von drei Patient:innen mit beidseitiger STN-Stimulation. Die Ergebnisse waren so überzeugend, dass die Methode innerhalb weniger Jahre an spezialisierten Zentren in Frankreich, Deutschland, Italien und den USA übernommen wurde. Die US-amerikanische Food and Drug Administration erteilte 1997 die Zulassung für die Tiefe Hirnstimulation bei essentiellem Tremor und bei Parkinson-Tremor, 2002 für die Behandlung der fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit insgesamt. Im DACH-Raum begann die klinische Routine etwa zeitgleich an den Universitätskliniken Köln unter Volker Sturm, an der Charité Berlin unter Andreas Kupsch und in Kiel unter Günther Deuschl.

Was im Gehirn passiert: Mechanismus der STN-Stimulation

Die genaue Wirkungsweise der Tiefen Hirnstimulation ist auch im Jahr 2026 nicht vollständig geklärt. Die ursprüngliche Hypothese, die hochfrequente Stimulation hemme die pathologisch übersteigerte Aktivität des Nucleus subthalamicus durch Depolarisationsblock, wurde durch elektrophysiologische Mikroelektroden-Ableitungen relativiert. Heute geht die internationale Forschung davon aus, dass die Stimulation ein komplexes Muster aus Aktivierung der ausgehenden Axone und gleichzeitiger Modulation der lokalen Neuronen erzeugt, das pathologische Oszillationen im Beta-Band der Basalganglien-Thalamus-Kortex-Schleife unterbricht. Diese Beta-Oszillationen, üblicherweise zwischen 13 und 30 Hertz, gelten als elektrophysiologisches Korrelat der parkinsonschen Bradykinese.

Klinisch lassen sich die Wirkungen quantifizieren. Die wichtigste internationale Studie ist die deutsche „Stimulation versus medikamentöse Therapie bei Parkinson-Krankheit”-Studie, kurz EARLYSTIM, die Günther Deuschl und Lars Timmermann gemeinsam mit französischen Zentren 2013 im „New England Journal of Medicine” publizierten. Die Studie zeigte, dass die Tiefe Hirnstimulation bei Patient:innen mit motorischen Komplikationen unter L-Dopa-Therapie eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität im PDQ-39-Score um durchschnittlich 7,8 Punkte gegenüber der medikamentösen Standardtherapie erreichte. Die motorischen UPDRS-III-Werte in der Off-Phase verbesserten sich um durchschnittlich 53 Prozent. Die tägliche L-Dopa-Äquivalenzdosis konnte um etwa 50 Prozent reduziert werden. Die Studie führte zu einer Vorverlagerung der Indikation: Tiefe Hirnstimulation wird heute nicht mehr erst als Ultima Ratio im Hoehn-Yahr-Stadium 4 erwogen, sondern bereits bei Patient:innen im Stadium 2 bis 3 mit motorischen Fluktuationen und einer Krankheitsdauer von mindestens vier Jahren.

Die Operation: Stereotaxie, Mikroelektroden, Wach-Phase

Die Implantation der DBS-Elektroden ist einer der technisch aufwendigsten neurochirurgischen Eingriffe der gegenwärtigen Neuromedizin. Sie dauert je nach Zentrum und Patient:in zwischen acht und zwölf Stunden. In der DACH-Standardroutine wird zunächst am Vortag oder am Operationsmorgen ein hochauflösendes 3-Tesla-MRT durchgeführt. Auf dieser Bildgebung wird das individuelle Zielgebiet, üblicherweise der dorsolaterale Nucleus subthalamicus, in drei Raumkoordinaten relativ zur Linie zwischen Commissura anterior und Commissura posterior definiert. Am Operationstag wird der Patient:in unter Lokalanästhesie ein stereotaktischer Rahmen am Schädel fixiert, der die räumliche Präzision der Elektrodenführung sichert.

Während des eigentlichen Eingriffs werden zunächst Mikroelektroden eingeführt, die die typische elektrophysiologische Signatur des STN ableiten. Das Burst-Muster der subthalamischen Neuronen ist akustisch so charakteristisch, dass erfahrene Neurochirurg:innen das Ziel akustisch verifizieren. Anschließend wird die definitive Stimulationselektrode, eine vierpolige oder seit etwa 2018 in vielen Zentren achtpolige Elektrode mit gerichteten Kontakten, in das Zielgebiet vorgeschoben. Die Wach-Phase ist entscheidend: Die meisten Zentren operieren die erste Hemisphäre unter wachem Patient:in, um die Stimulationswirkung intraoperativ zu testen. Nach Verifikation der Wirkung und Ausschluss von Nebenwirkungen wie Dysarthrie, Doppelbildern oder Stimmungsveränderungen wird die Elektrode fixiert. Die Implantation des Impulsgenerators, vergleichbar einem Herzschrittmacher und subklavikulär platziert, erfolgt meist in einer zweiten Sitzung wenige Tage später unter Vollnarkose.

Indikation und Kontraindikation: Die Patient:innenauswahl

Nicht jede:r Parkinson-Erkrankte ist für eine Tiefe Hirnstimulation geeignet. Die internationalen Leitlinien, in der deutschsprachigen Variante zuletzt 2023 von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie aktualisiert, definieren strenge Kriterien. Voraussetzung ist eine gesicherte idiopathische Parkinson-Krankheit mit eindeutiger Response auf L-Dopa, gemessen in einem L-Dopa-Test mit mindestens 30 Prozent UPDRS-III-Verbesserung. Das Hoehn-Yahr-Stadium soll zwischen 2 und 4 liegen, die Krankheitsdauer mindestens vier Jahre betragen. Patient:innen sollten unter motorischen Fluktuationen oder L-Dopa-induzierten Dyskinesien leiden, die durch medikamentöse Optimierung nicht mehr beherrschbar sind.

Die wichtigsten Ausschlusskriterien sind eine manifeste Demenz mit MMST unter 24 oder MoCA unter 21, eine schwere unbehandelte Depression mit Suizidalität und eine atypische Parkinson-Erkrankung wie Multisystematrophie oder progressive supranukleäre Blickparese, bei denen die DBS nicht wirkt und sogar zu Verschlechterungen führen kann. Das Alter ist keine absolute Kontraindikation, in vielen Zentren wird aber bei Patient:innen über 75 Jahren zurückhaltender indiziert, weil die kognitiven Nebenwirkungen und das Operationsrisiko steigen. Stand 2026 sind weltweit nach Angaben des Industrieverbands AdvaMed Neuro etwa 200.000 DBS-Systeme implantiert, in Deutschland werden pro Jahr rund 1.500 Neuimplantationen durchgeführt.

Adaptive DBS: Die Closed-Loop-Wende der 2020er

Die Tiefe Hirnstimulation der ersten dreißig Jahre arbeitete im sogenannten Open-Loop-Modus: Sie lieferte kontinuierlich eine konstante Stimulation, unabhängig vom aktuellen Krankheitszustand. Das hatte zwei Nachteile. Erstens verbrauchte die Dauerstimulation die Batterie des Impulsgenerators, sodass alle drei bis fünf Jahre ein operativer Generatorwechsel erforderlich wurde. Zweitens führte die konstante Stimulation bei manchen Patient:innen zu Nebenwirkungen wie Dysarthrie oder Gangstörungen in Phasen, in denen sie eigentlich nicht nötig gewesen wäre.

Die adaptive DBS, auch Closed-Loop-DBS genannt, ist die Antwort der 2020er-Jahre. Die Implantate, die etwa Medtronic mit dem System Percept PC seit 2020 in Europa anbietet, registrieren in Echtzeit die elektrische Aktivität des STN und steuern die Stimulationsintensität anhand der gemessenen Beta-Oszillationen. Nimmt die Beta-Aktivität zu, verstärkt sich die Stimulation, nimmt sie ab, reduziert sie sich. Die erste größere randomisierte Studie, ADAPT-PD, publizierte 2024 im „Lancet Neurology” Ergebnisse, denen zufolge die adaptive Stimulation gegenüber der konventionellen Open-Loop-Stimulation die motorischen Fluktuationen signifikant reduziere und die Batterielebensdauer um etwa 40 Prozent verlängere. Die endgültige Bewertung dieser Technologie steht in den großen europäischen Multizenter-Studien noch aus. Mehrere DACH-Zentren, darunter die Universitätskliniken Würzburg, Köln und Innsbruck, nehmen an den entsprechenden Studienprotokollen teil.

Was DBS nicht leistet

Die Tiefe Hirnstimulation ist eine hochwirksame symptomatische Therapie. Sie ist keine ursächliche Behandlung. Sie verlangsamt die Progression der zugrundeliegenden Neurodegeneration nicht, und sie wirkt nicht auf die nichtmotorischen Symptome wie kognitive Beeinträchtigung, Schlafstörungen oder autonome Dysfunktion, die im späteren Krankheitsverlauf das Bild oft mehr bestimmen als die motorischen Symptome. Patient:innen, die eine DBS-Indikation prüfen, sollten in einem ausführlichen Aufklärungsgespräch über diese Grenzen informiert werden. Die deutschsprachigen DBS-Zentren haben dafür ein mehrstufiges Beratungsprotokoll etabliert, das in der Regel zwei bis drei Vorgespräche, eine umfassende neuropsychologische Testung und ein interdisziplinäres Indikationsgespräch zwischen Neurolog:in, Neurochirurg:in und Patient:in vorsieht.

Alim-Louis Benabid ist im Mai 2026 vierundachtzig Jahre alt und im Ruhestand. Sein Name steht in der internationalen Neurochirurgie für eine der konsequentesten Übersetzungen einer klinischen Zufallsbeobachtung in eine etablierte Therapie. Was 1987 in Grenoble begann, ist heute in über zweihundert spezialisierten Zentren weltweit Routine. Es bleibt eine der wenigen interventionellen Therapien der modernen Neurologie, deren Wirkmechanismus zwar nicht vollständig verstanden ist, deren klinische Effekte aber in randomisierten Studien so robust nachgewiesen sind, dass sie nicht mehr in Frage stehen.

Nachsorge und Programmierung: Die unterschätzte zweite Etappe

Wer sich auf die Tiefe Hirnstimulation einlässt, sollte wissen, dass mit der Implantation die eigentliche Arbeit erst beginnt. Die postoperative Programmierung erstreckt sich über mindestens sechs bis zwölf Monate, in denen Patient:innen alle vier bis acht Wochen in einer spezialisierten DBS-Ambulanz vorgestellt werden müssen. Während dieser Phase werden die Stimulationsparameter, also Stromamplitude, Pulsbreite, Frequenz und die Auswahl der aktiven Kontakte, individuell justiert. Parallel wird die L-Dopa-Medikation schrittweise reduziert, in vielen Fällen um 40 bis 60 Prozent der präoperativen Dosis. Diese Phase verlangt sowohl von den DBS-Teams als auch von den Patient:innen erhebliches Durchhaltevermögen, und nicht selten kommt es zu Übergangsperioden mit Stimmungsschwankungen, Apathie oder leichter kognitiver Verlangsamung, die mit zunehmender Anpassung wieder zurückgehen.

Das deutsche Kompetenznetz Parkinson hat 2019 eine multizentrische Beobachtungsstudie aufgelegt, die die Langzeitergebnisse der DBS in spezialisierten Zentren mit denen kleinerer regionaler Häuser verglich. Das Ergebnis war eindeutig: Die Komplikationsrate, vor allem die Rate an postoperativen Infektionen und Re-Operationen wegen Elektroden-Fehllage, war an Zentren mit weniger als zwanzig Implantationen pro Jahr deutlich erhöht. Die Studie führte zu einer Konsolidierung der DACH-DBS-Landschaft auf etwa fünfundzwanzig Schwerpunktzentren, die im Mai 2026 nahezu alle Neuimplantationen tragen. Patient:innen, die eine DBS erwägen, sollten daher gezielt nach der jährlichen Implantationszahl ihres Zentrums fragen. Eine offene und ehrliche Auskunft ist ein gutes Qualitätszeichen. Wer im Zweifel ist, sollte sich an die regionalen DBS-Zentren der Universitätskliniken oder an die spezialisierten Häuser wie das Internationale Neuroscience Institute Hannover wenden, die Zweitmeinungen mit hoher Routine anbieten.

Komplikationen und Langzeitergebnisse

Die Tiefe Hirnstimulation gilt als sicheres Verfahren, sicher heißt aber nicht risikofrei. Die operative Komplikationsrate liegt nach Daten der deutschen DBS-Register bei etwa 2 bis 3 Prozent für klinisch relevante intrazerebrale Blutungen, bei 1 bis 2 Prozent für postoperative Infektionen, die in der Regel den Austausch des Impulsgenerators erforderlich machen, und bei rund 5 Prozent für Hardware-Probleme wie Kabelbrüche, Generator-Dysfunktionen oder Elektroden-Migrationen über zehn Jahre. Die perioperative Mortalität liegt unter 0,5 Prozent und betrifft fast ausschließlich Patient:innen mit erheblichen kardiovaskulären Komorbiditäten.

Langzeitergebnisse über zehn und mehr Jahre liegen aus mehreren Kohorten vor. Eine wichtige Arbeit ist die Pariser PSI-Studie, deren 15-Jahres-Daten 2019 im „Lancet Neurology” publiziert wurden und zeigten, dass die motorische Verbesserung der Off-Phase auch nach fünfzehn Jahren signifikant über dem präoperativen Niveau lag, während die nichtmotorischen Symptome, insbesondere die kognitive Beeinträchtigung und die axialen Symptome wie Gangstörungen und Posturalstabilität, krankheitsbedingt fortschritten. Die DBS hält also die motorische Symptomatik dauerhaft besser, ändert aber den natürlichen Krankheitsverlauf nicht grundlegend. Patient:innen, die diese Erwartung haben, sollten im Aufklärungsgespräch realistisch eingeordnet werden. Die DACH-DBS-Zentren legen darauf seit etwa 2015 besonderen Wert, nachdem Berichte über überzogene Erwartungen und postoperative Enttäuschung die Diskussion um die Indikationsqualität in den 2010er-Jahren mitgeprägt hatten.


Ressort: Therapie